Kein leeres Ritual:

Der Volkstrauertag ist und bleibt ein Tag der Mahnung für den Frieden




Alljährlich findet am zweiten Sonntag vorm 1. Advent der Volkstrauertag statt. Dieser Gedenktat wird alljährlich auch in der  Stadt Friedrichsthal durchgeführt. In diesem Jahr hielt Pfarrer Thorsten Huwald die Gedenkansprache. Er fragte sich und die zahlreichen Teilnehmer der Feier am Ehrenmal in der Bismarckschule, wer sich heute noch für den Volkstrauertag interessiere. Für viele Menschen sei der Tag ein Sonntag wie jeder andere auch. Immer lauter würden die Stimmen derjenigen, die zu bedenken geben:
„Die beiden Weltkriege liegen doch weit zurück. Was haben wir heute damit zu tun?“Oder: „Andere Völker haben auch Verbrechen begangen. Warum müssen wir uns denn immer noch und immer wieder selbst zerfleischen?“ 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten und genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gedenke man, all’ der Menschen, die durch Krieg und Gewalt ihr Leben verloren haben. Man denke an Großväter, Väter und Brüder, die von den Kampffeldern der Weltkriege nicht mehr zurückgekommen sind. Man denke aber auch an Großmütter, Mütter und Schwestern, die in diesen Kriegen Schaden genommen haben an Leib und Seele.  Viele denken an zerstörte Häuser, an angstvolle Stunden in dunklen Kellern und armseligen Bunkern. 

Pfarrer Huwald betonte, dass man im vergangenen 20. Jahrhundert weiß Gott viele Opfer zu beklagen hat: Soldaten zweier Weltkriege, Ziviltote: Frauen, Kinder und Männer, die im Bombenhagel zerfetzt wurden, Männer und Frauen, die im Widerstand gegen die Hitlerdiktatur ihr Leben verloren, Flüchtlinge und Vertriebene, die auf dem erzwungenen Weg aus ihrer Heimat durch Krankheit und Hunger umkamen, und die vielen Menschen, die verfolgt und im KZ ermordet wurden. Was geblieben ist, das ist entsetzliches Leid. Das sind Eltern, die ihre Kinder verloren haben, Frauen, die um ihre Männer trauern, Kinder, die ohne Vater aufwachsen mussten, und dazu das Heer der Vielen, die zwar überlebten, aber zeitlebens an den Folgen von Krieg und Gewalt zu leiden haben. 

Einhundert Jahre sind seit dem Ende des Ersten Weltkrieges vergangen. Das ist ein Jubiläum, so Pfarrer Huwald weiter, das nicht fröhlich und ausgelassen gefeiert werden könne. Ein sei ein Gedenktag, an dem das gesellschaftliche Leben in unserem Land kurz innehalte. Der Volkstrauertag ist kein punktuelles Geschehen, das zu einem bloßen jährlichen Ritual erstarrt, denn er habe Auswirkungen auf unsere Gegenwart.

Über das Gedenken an die Opfer der beiden Weltkriege weist er uns hin auf alle Opfer von Terror und Tyrannei, von Gewalt und Missbrauch. Auch in unserer Zeit erschrecke man davor, wohin Hass und Fanatismus führen können, was Menschen Menschen antun können.Und dabei wissen wir es doch längst: Jeder Krieg ist ein Anschlag auf die Menschheit und die Menschlichkeit.

Darum mahnte Pfarrer Huwald in seiner Ansprache: „Lass dich nicht einfangen von denen, die den Hassparolen folgen, die Zwietracht säen und Kriege anzetteln. Am Volkstrauertag werden wir ermahnt und dazu aufgerufen, dem Frieden in der Welt zu dienen und die Würde des Menschen zu achten.“

Bürgermeister Rolf Schultheis ging in seiner Ansprache darauf ein, dass in den Völkerschlachten zwischen 1914 und 1918, 17 Millionen Menschen ihr Leben ließen, davon zeugen die großen Kriegsgräberstätten in vielen Teilen Europas. Am 11. November 1918 kam diese Katastrophe an ihr Ende, aber gut 20 Jahre später kostete der Zweite Weltkrieg ein Vielfaches an Menschenleben. Fassungslos steht man angesichts des Leids der Menschen vor dieser Entwicklung.

Das unermessliche Leid des Ersten Weltkrieges war nicht vergessen, man gedachte der Opfer seit 1922 in einem jährlichen Trauertag, dennoch begannen die Nazis sofort nach ihrer  Machtübernahme, den Angriffs- und Vernichtungskrieg zu planen, den sie dann 1939 mit dem Überfall auf Polen auslösten. Die Opfer des Ersten Weltkriegs hielten sie und die vielen Deutschen, von denen sie unterstützt wurden, davon nicht ab. Im Gegenteil: Sie nahmen die Gefallenen als Rechtfertigung für eine „Vergeltung“, verklärten sie zu Helden und schufen so eine mentale Basis für ihre kriegerische Rhetorik, der der Krieg dann auf dem Fuß folgte.

Das mahne uns, so Bürgermeister Schultheis in seiner Ansprache, aller Opfer von Krieg und  Gewaltherrschaft zu gedenken, ihren Tod aber in einen historischen Kontext zu stellen und die Lektion der Geschichte zu lernen und zu lehren. 

Nur Versöhnung, Kooperation und Verständigung schaffen einen dauerhaften Frieden. Diese Erfahrung machte man in den letzten gut 70 Jahren, der längsten Friedensperiode in der europäischen Geschichte. Diese Errungenschaft müsse man sich bewusst machen und bewahren, gerade in Zeiten, in denen der Chauvinismus zunimmt und nationalistisch-fremdenfeindliche Parolen in den öffentlichen Raum vordringen.

Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens, der stillen Einkehr und der Trauer, aber er ist auch ein Tag der kritischen Reflexion, der Immunisierung gegen billige Parolen, die Menschen anderer Herkunft, Religion oder Hautfarbe abwerten. 

Er ist ein Tag des Engagements für ein gelingendes Miteinander in Europa. Am Volkstrauer-tag schauen wir zurück auf die  Schrecken des Krieges, aber auch voraus auf die Bewahrung von Frieden, Demokratie und Menschenrechten. Das bringt uns keinen einzigen Gefallenen zurück, aber es kann verhindern, dass die nächste Generation wiederum Gefallene beklagen muss.

An der Gedenkveranstaltung und den Kranzniederlegungen nahmen neben Pfarrer Huwald, Bürgermeister Rolf Schultheis, die Knappenvereine aus Friedrichsthal und Bildstock, die  Marinekameradschaft „Prinz Eugen“, das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk, eine Delegation der Freiwilligen Feuerwehr Friedrichsthal sowie einige Bürgerinnen und Bürger, unter ihnen auch Angehörige des Stadtrates, teil.